
Sonnenblumen: Gelb, das glücklich macht
Marktpatin Ines Meyer über eine Blume, die weit mehr ist als ein Sommergruß
Für Ines Meyer sind Sonnenblumen weit mehr als schöne Schnittblumen. Sie gaben ihr Halt, Kraft und eine Aufgabe – und begleiten sie seit mehr als 30 Jahren. Im Sommer bringt die Erzeugerin aus Ottersberg ihr leuchtendes Gelb auf mehrere Bremer Wochenmärkte.
Manchmal beginnt eine Lebensgeschichte mit einer Entscheidung, die man selbst gar nicht getroffen hat. Im Fall von Ines Meyer waren es ein Freund, dessen Mutter – und ein Marktstand voller Sonnenblumen. 1993 litt die damals junge Frau unter einer schweren Depression und heftigen Panikattacken. Ihr Freund verkaufte gemeinsam mit seiner Mutter Sonnenblumen auf dem Wochenmarkt. Eines Tages verdonnerte er Ines Meyer dazu, für ihn einzuspringen. Sie tat es höchst widerwillig. Doch zwischen den Blumen und den Menschen geschah etwas mit ihr. „Der Umgang mit den Kundinnen und Kunden und die Arbeit mit den Sonnenblumen haben mich geerdet“, erzählt sie. Bald begleitete sie ihren Freund immer häufiger aufs Feld, packte mit an und entdeckte in der körperlichen Arbeit etwas, das ihr lange gefehlt hatte: Sinn, Kraft und Halt. „Diese Beschäftigung mit etwas Sinnvollem war meine Heilung.“
Gelb gegen graue Tage
Mehr als drei Jahrzehnte später gehören Sonnenblumen fest zu ihrem Leben. Wenn ein Tag besonders anstrengend war, stellt sich Ines Meyer manchmal einfach mitten in ihr Feld. Dann schaut sie in das intensive Gelb, atmet durch und wartet, bis die Gedanken ruhiger werden.
Dass Sonnenblumen auch auf andere Menschen eine besondere Wirkung haben, erlebt sie regelmäßig an ihrem Marktstand. Gesichter hellen sich auf, Augen beginnen zu strahlen. Manchmal bleiben Menschen vor den Blumen stehen und fangen unvermittelt an zu weinen.
Vielleicht liegt es daran, dass die Sonnenblume den Sommer in seiner konzentriertesten Form zu tragen scheint: groß, warm, leuchtend und ein wenig unvernünftig. Gleichzeitig erinnert ihr Erscheinen daran, dass die hellste Jahreszeit nicht ewig dauert. Die ersten Pflanzen beginnen um den 20. Juni herum zu blühen – ungefähr dann, wenn die Tage schon wieder kürzer werden.

Stute Descará liebt Sonnenblumen fast so sehr wie ihre Besitzerin Ines Meyer.

Sonnenblumen sind für Ines Meyer „eine Verbindung zwischen Himmel und Erde“.
Das alljährliche kleine Wunder
Fast täglich ist Ines Meyer in den Sommermonaten auf dem Feld und hält Ausschau nach der ersten Blüte. Zunächst ist da nur eine. Dann geht es plötzlich schnell: „In Nullkommanichts kommen die anderen hinterher.“
Mit der ersten Blume des Jahres verbindet sie eine besonders bewegende Erinnerung. Der Freund, der sie einst zu den Sonnenblumen brachte, starb mit nur 30 Jahren. Am Tag seiner Beerdigung, einem 21. Juni, öffnete sich die erste Blüte auf dem Feld. „Das hat mich tief berührt.“ Ines Meyer schnitt die Blume ab und nahm sie mit zur Trauerfeier.
Heute bestreitet sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr allein mit den Blumen. Auf ihrem Hof leben rund 20 Pferde, mit denen sie auch therapeutisch arbeitet. Unter anderem kommen Schülerinnen und Schüler einer benachbarten Schule regelmäßig zu Besuch. Die Sonnenblumen aber sind geblieben – als Arbeit, Kraftquelle und Verbindung zu einem Menschen, der ihren Lebensweg entscheidend geprägt hat.
Pflegeleicht, aber nicht ohne Arbeit
So sonnig und unbeschwert die Blumen wirken: Bis ein fertiges Bund auf dem Markt liegt, ist einiges zu tun. Die Aussaat muss zum richtigen Zeitpunkt erfolgen, die Pflanzen brauchen Wasser und werden auf dem Hof mit Pferdemist gedüngt. Pflanzenschutzmittel kommen nicht zum Einsatz.
An manchen Tagen steht das Team stundenlang auf dem Feld und „alle schneiden wie die Weltmeister“. Vieles geht Ines Meyer heute leicht von der Hand, weil sie die typischen Anfängerfehler längst hinter sich gelassen hat. Grundsätzlich seien Sonnenblumen robuste, wüchsige und dankbare Pflanzen, sagt sie.
Welche Sorte auf ihrem Feld wächst, bleibt allerdings ihr Betriebsgeheimnis. Fest steht nur: Es ist eine Ölblume und keine Zierpflanze. Bei vollständiger Reife würden ihre Blumen Kerne ausbilden, aus denen sich Öl gewinnen ließe. Grundsätzlich gäbe es reichlich Auswahl: Sonnenblumen existieren in zahlreichen Züchtungen – mit großen oder kleinen Blüten, klassischen gelben, cremefarbenen, orangefarbenen oder dunkelroten Blütenblättern und hellen, grünen oder fast schwarzen Blütenscheiben.
Was wie eine einzelne große Blume aussieht, ist botanisch übrigens ein ganzer Blütenstand. Er besteht aus vielen kleinen Röhrenblüten im Inneren und den auffälligen gelben Zungenblüten am Rand. Die Röhrenblüten sind in zwei gegenläufigen Spiralen angeordnet. Diese folgen einem in der Natur häufig vorkommenden mathematischen Muster, der sogenannten Fibonacci-Folge. Dadurch werden die einzelnen Blüten besonders platzsparend verteilt, ohne sich gegenseitig zu verdecken.
Schnell ins Wasser – und nicht auf die Damastdecke
Damit Sonnenblumen in der Vase lange schön bleiben, sollten sie nach dem Kauf möglichst schnell ins Wasser. Ines Meyer empfiehlt, die Stiele mit einem scharfen Messer schräg anzuschneiden. So werden sie sauber durchtrennt und erhalten eine größere Schnittfläche.
Vor allem bei langen, kräftigen Stielen hält sie die frisch angeschnittenen Enden für höchstens 30 Sekunden in kochendes Wasser. Diesen alten Gärtnertipp nutzt sie, um schlappen Blüten wieder auf die Beine zu helfen. Anschließend kommen die Sonnenblumen sofort in reichlich frisches Wasser – denn sie seien „ähnlich durstig wie Tulpen“.
Alle zwei Tage sollte das Wasser gewechselt und der Stiel erneut angeschnitten werden. Ein eher kühler, schattiger Standort verlängert die Haltbarkeit zusätzlich. In der Regel bereiten die Blumen etwa eine Woche lang Freude. Sollten sie einmal die Köpfe hängen lassen, besteht noch Hoffnung: frisch anschneiden, ins Wasser stellen und etwas Geduld haben. Meist haben sie sich nach spätestens einer Stunde wieder erholt. Nur zu früh geschnittene, sehr feste Knospen öffnen sich manchmal nicht mehr vollständig. In solchen Fällen bietet Ines Meyer ihren Kundinnen und Kunden selbstverständlich Ersatz an.
Und noch ein Hinweis für Menschen mit feiner Tischwäsche: Die Sonnenblumen von Ines Meyer verlieren Blütenstaub und sondern mitunter Nektar ab. Unter dem Strauß sollte deshalb besser nicht die gute weiße Damastdecke liegen.
Kreislaufwirtschaft auf vier Hufen
Was vom Markt zurückkommt, wird auf dem Hof keineswegs weggeworfen. Die Pferde fressen die übrig gebliebenen Sonnenblumen mit großem Vergnügen. Auch auf dem Feld darf stehen bleiben, was nicht als Schnittblume gebraucht wird. Dort freuen sich Insekten, Vögel – und irgendwann ebenfalls die Pferde. „Das nenne ich mal echte Kreislaufwirtschaft“, sagt Ines Meyer und lacht. Fragt man sie, welche Botschaft die Sonnenblume für sie trägt, muss sie nicht lange überlegen: „Geerdete Lebensfreude. Und eine Verbindung zwischen Himmel und Erde.“

Gute Laune zum Mitnehmen. Wer einen schlechten Tag erwischt hat, kann sich das Leben mit Hilfe von ein paar Sonnenblumen wieder schön machen.

Was wie eine einzelne große Blume aussieht, ist botanisch ein ganzer Blütenstand. Er besteht aus vielen kleinen Röhrenblüten im Inneren und den auffälligen gelben Zungenblüten am Rand.
Auf folgenden Wochenmärkten in Bremen sind Ines Meyer und ihr Team zu finden:
- Bremen-Findorff (Neukirchstraße):
dienstags und donnerstags von 8 bis 13 Uhr, samstags von 8 bis 14 Uhr - Bremen-Schwachhausen (H.-H.-Meier-Allee):
freitags von 8 bis 13 Uhr - Bremen-Steintor (Ziegenmarkt):
donnerstags und freitags von 8 bis 18 Uhr, samstags von 8 bis 14 Uhr - Bremen-Neustadt (Delmestraße):
dienstags, donnerstags und freitags von 8 bis 13 Uhr
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