
Kirsche: Erst süß, dann sauer
Marktpatin Wiebke Scharnhorst über eine Frucht, die den Sommer einläutet
„Darf ich mal probieren?“ Diesen Satz hört Markthändlerin Wiebke Scharnhorst an diesem Vormittag besonders oft. Kein Wunder: Die ersten Kirschen der Saison liegen vor ihr in Holzkisten – Wanda und Bellise heißen die Frühsorten. Für viele gehören Kirschen genauso zum Frühsommer wie Erdbeeren oder lange Abende im Freien. Sie schmecken nach Sommerferien und klebrigen Fingern, nach Kirschpaaren, die als Ohrringe an den Ohren baumelten. Und wer einen Drilling am Stiel fand, durfte sich etwas wünschen – der sollte schließlich Glück bringen.
Noch bevor der Verkauf beginnt, bindet Scharnhorst ihre Schürze um. Darunter trägt sie ein Beatles-T-Shirt. „Ach, wie schade, jetzt sieht man die Beatles gar nicht mehr“, sagt sie und schaut an sich herunter. Doch kaum sitzt die Schürze, ragen die vier Köpfe der Band wieder über den Stoffrand. Sie lacht. „Na also, da sind sie ja wieder. Wie schön!“
In diesem Jahr fällt der Saisonstart besonders üppig aus. „Die Kirschen sehen klasse aus – schön gleichmäßig rot und von toller Qualität“, sagt Scharnhorst. Seit 1997 führt sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Gerhard Ecks dessen Familienobsthof in Jork im Alten Land – inzwischen in dritter Generation. Mit Kirschen ist sie aufgewachsen. „Ich bin auf einem Obsthof groß geworden. Im Sommer waren wir eigentlich immer zwischen den Kirschbäumen unterwegs“, sagt Scharnhorst, die Obstbau gelernt hat.

Mit Frühkirsche Wanda eröffnet Wiebke Scharnhorst die Saison an ihrem Stand auf dem Findorffmarkt.
REZEPT:
Sauerkirsch-Ingwer-Chutney
Zutaten (für 1 Glas):
250 g Sauerkirschen
1 rote Zwiebel
1 kleines Stück Ingwer
50 ml Essig
50 g brauner Zucker
1 TL Senfkörner
Salz & Pfeffer
Zubereitung:
Sauerkirschen waschen, trocknen und entsteinen. Zwiebel schälen und fein würfeln. Ingwer fein hacken und zusammen mit Zwiebel und Zucker in einer Pfanne leicht karamellisieren lassen. Restliche Zutaten gut vermischen und in einem Topf bei mittlerer Hitze unter Rühren etwa 45 Minuten einkochen, bis das Chutney eine marmeladenartige Konsistenz hat. Zwiebel-Ingwer-Mischung unterrühren. Alles heiß in ein Glas füllen und verschließen. Schmeckt zu Brot, Gorgonzola und Grillgut.
Der Bestseller: Knubberkirschen
Wer durchs Alte Land fährt, sieht heute vor allem Apfelbäume. Das ist auf dem Obsthof Ecks nicht anders: Rund 80 Prozent der Obstflächen sind mit ihnen bepflanzt. Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren und Zwetschgen teilen sich den Rest. Dabei prägten früher Kirschbäume die Landschaft, bis die robusteren Äpfel ihren Siegeszug antraten. Ganz verschwunden ist die Vielfalt aber nicht: Rund 20 Kirschsorten wachsen heute noch in der Gegend.
Den Ernteauftakt machen Wanda und Bellise. Im Juli folgen Regina und Kordia, besser bekannt als Knubberkirschen. Ihr Fruchtfleisch ist besonders fest und saftig. Regina ist Scharnhorsts Favoritin: „Die wird direkt vom Stiel gegessen. Sie ist so schön süß.“
In dieser Woche beginnt außerdem die Ernte der ersten Schattenmorellen. Sie zeichnen sich durch ihren höheren Säuregehalt aus und gehören zu den Sauerkirschen. So früh wie in diesem Jahr waren sie noch nie reif. „Als Kind haben wir Mitte Juli mit der Sauerkirschenernte begonnen. Dieses Jahr sind wir schon Anfang Juli unterwegs. Das zeigt, wie sehr sich die Saison verschoben hat.“
Bis Mitte August wird es auf den Bremer Wochenmärkten frische Kirschen geben. Damit die Früchte morgens auf dem Markt glänzen, beginnt die Ernte täglich schon um sechs Uhr. Hitze macht die Kirschen weich, deshalb zählt oft jeder Tag. Auch Regen war lange eine große Herausforderung der Obstbäuerinnen und Obstbauern. Reife Kirschen platzten oft schon nach einem einzigen Schauer auf. Heute schützen Regendächer die Baumreihen, sodass es nahezu keine Ernteausfälle gibt.

Regen lässt reife Kirschen aufplatzen. Daher wird das wertvolle Erntegut heute größtenteils geschützt angebaut.
Kleine Vitaminbomben
In den Erntekisten landen schließlich die Früchte, die bei Farbe, Größe und Geschmack überzeugen. Bordeaux- bis dunkelrote Kirschen sind meist besonders süß. „Aber am Ende hilft nur eins: probieren“, sagt Scharnhorst. Das rät sie auch ihren Kundinnen und Kunden am Marktstand. Aber auch die Optik verrät einiges: Gute Kirschen sind prall, glänzend und tragen einen frischen grünen Stiel. Zuhause halten sie sich zwei bis drei Tage im Gemüsefach des Kühlschranks. Vor dem Naschen dürfen sie ruhig noch etwas Zimmertemperatur annehmen.
Hinter der süßen Sommerfrucht steckt mehr als viele ahnen. Botanisch zählt die Kirsche zu den Rosengewächsen und gehört zum Steinobst. Wilde Kirschen wuchsen schon in der Bronzezeit in Europa und Asien. Die Römer brachten ihre Kulturformen später aus der Region rund um das Schwarze Meer nach Mitteleuropa. Neben ihrem süßen Geschmack liefern Kirschen Vitamin C, verschiedene B-Vitamine sowie Kalium, Magnesium und Eisen. Ihre intensive dunkelrote Farbe verdanken sie Anthocyanen – natürlichen Pflanzenstoffen mit antioxidativen Eigenschaften.
In der Küche sind Kirschen vielseitig: Süßkirschen werden frisch gegessen oder zu Desserts verarbeitet, Sauerkirschen landen in Kuchen, Kompott oder Marmelade. Sie passen aber auch zu herzhaften Gerichten wie Wild oder Geflügel. An heißen Tagen kocht Wiebke Scharnhorst noch immer ein Gericht aus ihrer Kindheit: Kirschsuppe mit Grießklößchen. Dafür werden Kirschen mit Wasser, Zitronensaft und Zucker aufgekocht und mit Speisestärke gebunden. „Früher kam alles in den Topf, wie es vom Baum kam. Heute mache ich es mir etwas einfacher und entkerne die Kirschen vorher.“
Auf dem Obsthof steht unterdessen ein neuer Abschnitt bevor. Nach drei Generationen bleibt der Betrieb zwar erhalten, aber nicht in Familienhand. Beide Kinder haben andere Berufswege eingeschlagen und werden den Hof nicht übernehmen. Umso erleichterter ist Scharnhorst, dass eine familienexterne Nachfolge gefunden wurde. So wird es auch in Zukunft Kirschen aus dem Alten Land geben.
Auf den Wochenmärkten in Bremen ist der Obsthof Ecks wie folgt zu finden:
Bremen-Findorff (Neukirchstraße): dienstags und donnerstags von 8 - 13 Uhr, samstags von 8 - 14 Uhr
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